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Was ist ein Vulnerability Hangover beim Schreiben?

Viele Autor:innen kennen diesen Moment: Sie schreiben, sind im Flow und plötzlich: Notbremse.
Eine Szene fühlt sich an, als hätte jemand die Schutzschicht deiner Sprache abgezogen. Keine Distanz mehr, keine Deckung, kein literarischer Filter. Nur Haut. Oder eher: keine mehr. Ein Zustand, in dem deine Figur spricht, bevor du sie zensieren kannst. In dem der Text schneller ist als dein inneres Kontrollsystem.

Oft sind das die besten Szenen. Und die schlimmsten. Denn was folgt, ist kein Flow-Gefühl, sondern ein literarischer Kater. Du wachst auf mit einem mulmigen Ziehen im Bauch und einer Szene, die wirkt, als hättest du nachts deinem Ex geschrieben – impulsiv, intim, brillant vielleicht. Vielleicht auch ein Fehler.

Dieses Gefühl ist kein Einzelfall. Es ist ein Phänomen. In der Psychologie nennt man es Vulnerability Hangover. Brené Brown hat den Begriff geprägt, aber als Autor:in kennst du ihn vermutlich längst. Es ist der Moment, in dem dein Nervensystem Alarm schlägt: Was hast du da bitte geschrieben? Und warum hast du niemanden um Erlaubnis gefragt? Das ist zu nah – niemand darf das lesen.
Dabei ist diese Kater-Szene oft ein Beweis, dass du in diesem Moment nicht über deine Figur geschrieben hast, sondern durch sie. Dass Fiktion und Selbstbild für einen Moment dieselbe Stimme hatten. Ein so-true-Moment – ehrlich, entwaffnend und verdammt nah.

Der Mut liegt also nicht nur darin, solche Szenen zu schreiben. Sondern sie stehen zu lassen. Mit dem flauen Gefühl, dem Zweifel, der Scham vielleicht. Scham will dich zurückhalten, Risiko will dich wachsen lassen. Beides fühlt sich ähnlich an. Aber nur eins bringt dich weiter.

Übung: Schreibkatersyndrom entschlüsseln

Diese Übung hilft, Szenen mit Vulnerability-Hangover nachträglich zu überprüfen und in den kreativen Prozess einzubinden:

1. Drucke die Szene aus – lies sie laut. Markiere nur die Stellen, bei denen dein Körper reagiert (z. B. Zusammenzucken, Scham, Beschleunigung, Schweiß, Stocken). Nicht bewerten – nur markieren.

2. Frage dich bei jeder markierten Stelle:
Was will ich hier zurücknehmen?
Was wäre die ungefährlichere Version?
Was genau macht mir Angst?

3. Schreibe drei Versionen der Szene nebeneinander:
die Rohversion
eine glatte, zensierte Variante
eine bewusste dritte Fassung, die den emotionalen Kern erhält, aber sprachlich verankert

4. Lies alle drei laut und frage dich: Welche Version trägt die größte Wahrheit?

Diese Übung ersetzt keine Überarbeitung. Aber sie schützt dich vor schnellem Selbstschutz. Sie erlaubt dir, nicht zu glätten, was geschrieben werden will. Genau das ist dein Handwerk und deine einzigartige Stimme.

Herzlich,

Bettina

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