Warum ein Manuskript abgelehnt wird
Warum ein Manuskript abgelehnt wird, bleibt im Literaturbetrieb oft ein Geheimnis. Du bekommst in der Regel keine Absage mit Begründung, sondern entweder eine Standard-E-Mail oder gar keine Antwort.
Als ich siebzehn war, fragte mich jemand, was ich später einmal beruflich machen wolle.
Ich antwortete sofort: Ich will ein Thinktank sein. Ein Ideengenerator.
Ich erinnere mich noch gut an den kurzen Moment der Irritation auf der anderen Seite des Tisches. Offenbar war diese Antwort in keiner der üblichen Kategorien vorgesehen. Ärztin, Journalistin, Anwältin, dafür gab es zumindest eine Vorstellung. Für einen Ideengenerator nicht.
Dabei erschien mir dieser Berufswunsch damals völlig logisch. Mein Kopf war schon immer hyperaktiv. Ständig damit beschäftigt, Ideen zu sortieren, zu verbinden und Zusammenhänge zu erkennen. Wenn mein Hirn das ohnehin ständig abspult, dachte ich mir, könnte man daraus ja auch einen Beruf machen.
Leider stellte sich schnell heraus, dass es für diese Tätigkeit weder eine Ausbildung noch eine Stellenbeschreibung gibt.
An diese kleine Episode dachte ich, als ich am Sonntag die NZZ las und über eine Meldung stolperte.
In der Zürcher Altstadt gibt es eine Einrichtung mit dem wunderbaren Namen Amt für Ideen. Diese kulturelle Institution inszeniert seit über 100 Jahren Geschichten, Humor, Musik und Literatur für Unterhaltung auf Bühnen, in Medien und virtuell.
Allein dieser Begriff ist ja schon eine kleine literarische Pointe. Ich stellte mir sofort einen langen Flur vor. Verschachtelte Gänge, zu viele Türen, zu viele Abteilungen. Und irgendwo eine Registratur, in der entschieden wird, ob ein Antrag bearbeitet wird oder stillschweigend verschwindet.
Mein erster Gedanke war: Das wäre möglicherweise mein Traumjob gewesen. Zweiter Gedanke: Diesen Traumjob habe ich ja schon längst! Dann wurde mir klar, dass solch eine Einrichtung bereits existiert. Nur unter einem anderen Namen.
Wenn man sich den Literaturbetrieb etwas genauer ansieht, merkt man schnell, dass Geschichten von einer erstaunlich komplexen Verwaltung betreut werden. Sie ist nur nirgends offiziell ausgeschildert, man verirrt sich schnell. Und merkt es oft erst, wenn das eigene Manuskript irgendwo in diesen Gängen verschwunden ist. Sprich: Wenn das Manuskript abgelehnt wird.
Gleich neben dem Eingang dieses Gebäudes gibt es das Standesamt. Dort interessiert sich niemand für Haarfarbe, Kindheit oder Lieblingsmuffin deiner Hauptfigur. Entscheidend ist etwas anderes: Ob diese Figur das Versprechen des Romans einlöst.
Ein paar Türen weiter sitzt die Bauaufsicht für Plots. Die Mitarbeiter haben ein geschultes Auge für dramaturgische Statik. Ein kurzer Blick genügt oft, um festzustellen, dass diese Geschichte spätestens im zweiten Akt einsturzgefährdet ist. Aber niemand zeigt dir, woran es liegt.
Im nächsten Raum sitzt die Sprachaufsicht und Stilprüfung. Hier geht es um Perspektive, Tempus und den Ton eines Textes. Die Sachbearbeiter dort sind freundlich, aber unerbittlich.
Dann gibt es noch eine Stelle, die sich ausschließlich mit Zuständigkeiten beschäftigt. Dort wird geprüft, ob ein Manuskript überhaupt im richtigen Gebäude gelandet ist. Falsches Gebäude – keine Antragsbearbeitung. Manchmal stellt sich heraus, dass ein literarischer Roman eigentlich eher Bizarro Fiction ist.
Ganz am Ende des Flurs befindet sich übrigens eine Abteilung, die viele Autor:innen lieber meiden. Offiziell heißt sie Registratur und Aussonderungsstelle. Intern trägt sie jedoch einen anderen Namen.
Kill Your Darlings.
Hier werden besonders schöne Sätze abgelegt. Landschaftsbeschreibungen, die Autor:innen sehr am Herzen liegen. Dialoge, die wunderbar formuliert sind und trotzdem niemandem weiterhelfen. Die Mitarbeiter dieser Stelle sind ausgesprochen höflich. Ihr häufigster Aktenvermerk lautet: Stilistisch ansprechend, narrativ entbehrlich.
All diese Vermerke bleiben allerdings fast immer in der Akte. Nach außen erhalten Autor:innen lediglich eine kurze Mitteilung, dass der Antrag leider nicht erfolgreich war. Oder gar keine Mitteilung. Das Formular N-17b wurde geprüft, der Vorgang abgeschlossen. Manuskript abgelehnt
Ich habe beschlossen, mich in nächster Zeit etwas genauer in diesem Haus umzusehen und euch auf diesem Rundgang mitzunehmen.
Im nächsten Beitrag beginnen wir ganz vorne. Am Empfang. Dort sitzt eine rigorose Sachbearbeiterin, die jedem Manuskript dieselbe Frage stellt. Diese Frage klingt trügerisch einfach.
Worum geht es hier eigentlich?
Herzlich,
Bettina
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